Suche
 
AICA BLOG
 
zurück
Stefanie Manthey, 12.11.2025

Wachtraum Carona: David Weiss et al. im MASI Lugano

Installation_view_David-Weiss_Il-sogno-di-Casa-Aprile_Carona_Foto_Alfio_Tommasini
David Weiss, Il sogno di Casa Aprile Carona, Installationsansicht MASI Lugano, 2025. Foto: Alfio Tommasini

Überscharf und unerschrocken. Eine derart nüchterne Sicht auf die Zürcher Verhältnisse für junge Kunstschaffende Ende der 1960er-Jahre nährten in David Weiss das Bedürfnis, diese Tristesse Royale, die ihn selbst und andere lähmte, zu thematisieren. Er suchte zeichnend nach Lösungen, sie zu überwinden.  Bei diesem Aufbruch setzt eine Ausstellung im MASI Lugano an, die dem Unausgesprochenen, seinem Mut zur Selbstparodie Raum gibt.

Um Distanz vom urbanen Kunstbetrieb gewinnen, zog es David Weiss und andere über einen Zeitraum von rund zehn Jahren wiederholt nach Carona, ein Bergdorf oberhalb von Lugano. Aus Recherchen über dieses furchtbare Experiment sind eine Ausstellung und ein Lese-Buch mit dem Titel Carona 1968-1978 hervorgegangen. Gemeinsam machen sie anschaulich, dass die  Last von Exil und Entwurzelung im westeuropäischen Kontext ab Beginn des 20. Jahrhunderts, die aktuell mit Hochdruck bearbeitet und vermittelt wird,  in Carona der Boden ist, sich einzeln und in wechselnden Gemeinschaften wiederzufinden.

Historisches Material bestimmt die Atmosphäre des ersten Raums. Gerahmte Porträts und Landschaftsdarstellungen auf Leinwand auf farbigen Wänden, SW-Fotografien und handschriftliche Briefe in Tischvitrinen, vermitteln einen Eindruck von Personen wie Lisa Tetzner und Kurt Kläber, die in Carona Anfang des 20. Jahrhunderts Zuflucht fanden. Aus politischen Gründen entwurzelt oder freiwillig aufgebrochen, boten ihnen das Dorf und die Umgebung eine Atmosphäre, die ihnen ermöglichte, weiterhin künstlerisch tätig zu sein. Lisa Wenger, Meret Oppenheim und Herrmann Hesse werden hier als Ahnen einer kulturellen Erzählung eingeführt, die in den Zwischenkriegsjahren Hochkonjunktur hatte.

David Weiss, Il sogno di Casa Aprile Carona, Installationsansicht MASI Lugano, 2025. Foto: Alfio Tommasini

Ihre Wahrnehmungen von Carona sind eine Einstimmung. Im angrenzenden grossen Ausstellungssaal treffen diese Werke auf den Mix an Ausdrucksformen, mit denen David Weiss und Kollegen wie Urs Lüthi, Anton Bruhin und Iwan Schumacher sich gesellschaftlich und künstlerisch in ihrer Zeit zu verorten suchten. Als urbane Charaktere mit Lederjacken, parat für Collage, Montage, Video, Film und DYI, denen Pinsel und Tubenfarben als Relikte aus den Generationen ihrer Eltern erschienen. Passé, vorbei.

Die Casa Aprile in Carona lud David Weiss ein, sich durch handwerkliche Arbeiten bei der Renovierung des Hauses nützlich zu machen, vor Ort mit anderen Künstler:innen zusammenzuarbeiten und wiederzukommen. Ihr Typus einer Casa Domestica, die sich bis heute im Besitz der Familie Wenger befindet, bot optimale Bedingungen. Im MASI behält sieihren privaten Charakter dadurch, dass nur wenige Fotos zu sehen sind. Was dort an solistischer und gemeinschaftlicher Produktion von Anton Bruhin, Willy Spiller, Esther Altdorfer, Margaret Mackworth-Praed, Maria Gregor und vor allem David Weiss entstanden ist, wird in der Ausstellung so ausgebreitet, dass die klein- und grossformatigen Arbeiten sowohl für sich sprechen wie auch dass keine Person zu kurz kommt. Das bringt bei den weiblichen Kunstschaffenden eine ebenso erfreuliche, wie relevante Korrektur in der Frage nach Autorschaft mit sich.

Es war ein Anliegen der Gruppe, sich aus engen Vorstellungen von Autorschaft zu lösen. Eine wolkenartige Anordnung gerahmter Zeichnungen im hinteren Teil,  greift diesen Impulsin der Hängung auf. Als Partner der Kunstschaffenden geht sie da noch einen Schritt weiter, wo sich kuratorisch die Frage stellt, wie der Entwurf für ein grosses Gesellschaftsspiel unter die Menschen kommen, und eine literarische Zeitschrift wie Nachtmaschine im Museumskontext gezeigt werden können. Ein Schreibexperiment, das in Kleinstauflage fotokopiert, am Eingang zur Casa Aprile angepinnt, und vertrieben wurde. Mit Bootlegs an der Wand fixierte Faksimiles der einzelnen Ausgabenund Stapel der Spielanleitungen in deutscher und italienischer Sprache sind in Lugano die Lösung. Per favore toccare!

David Weiss, Il sogno di Casa Aprile Carona, Installationsansicht MASI Lugano, 2025. Foto: Alfio Tommasini

Bis fast in den Frühling des kommenden Jahres, ist dieses Mikro-Kapitel Teil des Besuchs einer Institution, die ein Mehrspartenhaus ist, in dem unterschiedliche Öffentlichkeiten und Sprachräume zusammenkommen. Im  Buch treffen die ausgestellten Werke auf Texte. Gemeinsam verhalten sie sich sich fürsorglich und bescheiden gegenüber Themen, die sich künstlerbiografisch-, exil- und migrationsgeschichtlich in Carona verdichten. Heimat wird imeinleitenden Essay als eine Praxis vorgestellt, als «eine aktive Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Zuhause –  einem Raum, in dem Zugehörigkeit und Entwurzelung in einem ständigen Dialog stehen». Die so gebaute Brücke in die Gegenwart.ist zugleich eine Referenz an alle Bewohner:innen von Carona, die bereit waren, ihr Wissen zu teilen.


David Weiss und der Traum von Carona, MASILugano, bis 1.2.2026

David Weiss e il Sogno di Casa Aprile / David Weiss und der Traum von Casa Aprile. Carona 1968 – 1978, hrsg. von MASI Lugano, Zürich: Edition Patrick Frey, 2025