Shifting Surface: Cédric Eisenring & Sonia Kacem in der Edition VFO, Zürich
Druckgrafik als individuelles Ausdrucksmittel im gegenwärtigen Kunstschaffen – so oder ähnlich technisch könnte der Untertitel der Doppelausstellung Cédric Eisenring & Sonia Kacem: Shifting Surface in den Räumen der Edition VFO lauten. Die Werke sind zum Glück alles andere als technisch, sondern zeigen, wie sich im Werk von Sonia Kacem und Cédric Eisenring die Arbeitsprozesse und Techniken verschränken und gegenseitig befruchten.
Sonja Kacem (*1985, Genf) kam über die Steindruckerei Wolfensberger 2023 in Berührung mit Druckgrafik. Sie war so fasziniert, dass sie einen Teil des Preisgeldes einer Auszeichnung in der Westschweiz in weitere Experimente mit Steinen und Blättern investiert habe, erklärt David Khalat, Direktor des VFO, im Gespräch.
Für die Ausstellung sind nun grossformatige Blätter mit ornamentalen Formen und Pinselabdrücken entstanden, die sich jeweils in klaren Farben überlagern. Das Interesse an der Architektur und den Schriftzeichen des nordafrikanischen Raumes, das die Künstlerin anlässlich eines Atelieraufenthalts in Ägypten entwickelte, findet sich hier ebenso wie das Experiment mit den Platten an sich. Durch das Drehen und Überdrucken derselben Platten entstehen komplexe Muster, neue und wiedererkennbare, die durch die Präsentation der Werke in kleinen Gruppen noch verstärkt werden.

Bei den gezeigten Arbeiten von Cédric Eisenring (*1983, Basel), speziell bei seinen mit kleinen Strichen versehenen, fast pixelig wirkenden Kupferstichen auf Stoff, dient die Druckgrafik dazu, eine besondere Atmosphäre zu unterstützen. Der Künstler legt auf Nachfrage dar, dass es sich nicht um Reproduktionen handle: So gehe es etwa bei einer schlafenden Figur nicht um eine direkte Referenz an Meister wie Rembrandt van Rijn oder Odilon Redon, auch wenn er bewusst Bildsprachen und etwa deren Umgang mit Hell und Dunkel aufgreife. Weil er mit Büchern, mit Reproduktionen, aufgewachsen sei, Fotografie studiert und schon früh mit alten Kupferplattenabschnitten und Fototechniken experimentiert habe, suche er vielleicht immer auch das Malerische in der Reproduktion.
Dass Eisenring immer auch eine gewisse theatrale Qualität mitbringt, zeigt sich neben dem gewählten Bildgrund der Werke – den zusammengenähten Textilien oder dem Schleifpapier bei der Edition für den VFO – ebenso in der Präsentation im Raum des Löwenbräu: auf dem grauen, runden Vorhang, der normalerweise das Büro des Vereins vom Ausstellungsraum abtrennt. Dieser Stoff wird nun – farblich stimmig – zum installativen Hintergrund für die Werke, während Kacem auf einer der flexiblen Stellwände eine Tapete anbringt, die ihrem komplexen Druck eine weitere Ebene verleiht und als selbstbewusstes Gegenüber zu Eisenrings Arbeiten fungiert.
Obwohl beide international gefragt sind – Eisenring wurde vom Kollektiv des diesjährigen Schweizer Pavillons für eine kooperative Arbeit angefragt – und beide derselben Generation angehören, sind es die Unterschiede in den Drucktechniken und den Prozessen, welche die Positionen aufladen, ebenso wie die Tatsache, dass sie dabei über den klassischen Einsatz hinausgehen. David Khalat meint dazu, er habe diese Ausstellungsidee verschiedenen Kuratierenden «gepitcht», die Ausstellung dann doch selbst organisiert, inklusive einem kleinen Katalog. Zwar seien nur zwei der Werke Editionen für den Verein und die anderen Unikate – was für den VFO eher ungewöhnlich sei. Doch das Ziel des Vereins, Drucktechniken auf neue Weise zu zeigen, überwog. Das lässt sich als Teil einer Erneuerung des Vereins lesen: Diese zeige sich einerseits in Kooperationen etwa mit Monopol oder bekannten Namen wie Julian Charrière, andererseits aber auch im informellen Zusammenschluss, dem Zurich Print Institute mit Druckern auf dem Platz Zürich, unter anderem der Wolfensberger-Druckerei. Dieser hat sich den Erhalt des Fachwissens und der Druckmöglichkeiten für jüngere Kunstschaffende zum Ziel gesetzt. Und so wird Druckgrafik in der aktuellen Ausstellung hier weniger als Medium der Reproduktion, denn als offener Raum künstlerischer Aushandlung sichtbar.
Sonia Kacem & Cédric Eisenring, Shifting Surface, bis 30.5., Edition VFO, Zürich