Sedimente dritter Generation: Vanna Karamaounas in der galerie tcarmine, Genf
Die Begegnung mit den Arbeiten von Vanna Karamaounas in ihrer aktuellen Ausstellung Paysages urbains in der Genfer galerie tcarmine hinterlässt einen leisen, aber bleibenden Eindruck. Gerade in ihrer Zurückhaltung liegt die Stärke der Arbeit. Sie verlangt Zeit, Nähe und Aufmerksamkeit.
Der buchstäblich Gravitationspunkt der von Silvana Moï Virchaux kuratierten Schau ist eine unscheinbare, horizontal auf einem Sockel präsentierte Skulptur: ein in dunklem Marmor gehaltenes Relief, so flach gearbeitet, dass es sich dem Blick beinahe entzieht. Erst in der Annäherung — tastend, mit Auge und Hand über die Oberfläche fahrend — beginnen sich Linien, Volumen und fragile Details zu offenbaren: zwei Hausfassaden über Eck, grosse mehrsprossige Fenster, florale Spuren. Dieses relievo schiacciato, jene seit Quattro- und Cinquecento kultivierte Zwischenform von Malerei und Skulptur, wird hier zur Metapher der Erinnerung selbst: etwas, das nicht mehr unmittelbar sichtbar ist, sondern erst aus einem Dunkel hervorgeholt werden muss. Das Haus der Grosseltern der Künstlerin im einst kosmopolitischen Smyrna erscheint dabei nicht als Rekonstruktion, sondern als Verlustform — reduziert, verschattet, beinahe ausgelöscht.
Das Werk von Karamaounas bewegt sich zwischen persönlicher Geschichte und kollektiver Verdrängung. Ausgangspunkt ist immer wieder die gewaltsame Vertreibung der griechischen und armenischen Bevölkerung aus Smyrna zu Ende des Griechisch-Türkischen Kriegs 1922 sowie die Umsiedlung und Enteignung weiter Teile der christlichen Bevölkerung des ehemaligen Osmanischen Reiches – gemäss dem Vertrag von Lausanne 1923. Ihre hochgebildete, kunstsinnige Familie gelangte zunächst nach Athen, später in die Schweiz; der Vater führte von 1980 bis 2005 die Genfer Galerie Kara für zeitgenössische Kunst und nahm an siebzehn Ausgaben der Art Basel teil.
Doch Karamaounas, die diese Szene seit 1991 auch mit dem Ausstellungsprogramm Art à Genève mitprägt, illustriert Geschichte nicht. Vielmehr sucht sie nach ihren Sedimentationen. Mit dieser fragilen Erinnerungsarbeit verbindet sich eine zweite, zunächst gegensätzliche Faszination: das menschliche Bauen. Immer wieder kreist ihr Werk um Architektur und Urbanismus – um das, was Menschen zu errichten vermögen, bewohnen und irgendwann wieder verlassen müssen.

Die Fotografien der Serie Passages, 2016–2026, entstanden in verlassenen Palästen der iranischen Region Kashan, zeigen keine spektakulären Ruinenbilder. Die Künstlerin richtet ihren Blick vielmehr auf Durchgänge und Öffnungen, die oft erst durch Alterung, Verwüstung und Plünderung freigelegt wurden: eingestürzte Mauern, herausgebrochene Türen und Läden, zusammengestürzte Decken. Durch das Teleobjektiv verdichten sich die Perspektiven; die Räume wirken länger, enger, beinahe endlos. Das Auge verliert die Orientierung zwischen Innen und Aussen, Schutz und Verwundbarkeit.
Die reich stuckierten, bemalten und mit Intarsien und Mosaiken versehenen Wände tragen noch die Spuren früherer Pracht, doch jede Romantisierung wird vermieden. Der Zerfall erscheint schmerzhaft, beengend – und dennoch öffnen die Brüche neue Sichtachsen, vielleicht sogar neue Durchgänge. Gerade diese Ambivalenz verleiht den Arbeiten ihre Wahrhaftigkeit. Karamaounas zeigt das Ende einer Geschichte keineswegs pathetisch als Befreiung, sondern als schmerzhaften Übergang, den man durchschreiten muss. Vielleicht berühren diese Bilder deshalb so sehr, weil sie weit über Architektur hinaus von jenen Momenten im Leben sprechen, in denen erst Brüche neue Öffnungen schaffen und im Fragment etwas Neues freilegen. Sie spenden keinen Trost, aber eine stille Form von Begleitung.
Vanna Karamaounas, Paysages urbains (2016–2026), galerie tcarmine, Genf, bis 21.5. www.tcarmine.com