Der Handel mit Hunger: Daniela Ortiz in der Kunsthalle Bern
«Kein Hunger» ist ein Ziel der UNO für das Jahr 2030. Doch die Realität sieht anders aus. Mit ihrer Einzelausstellung Ein Tropfen Milch in der Kunsthalle Bern beschäftigt sich die peruanische Künstlerin Daniela Ortiz mit Fragen der Ernährungssouveränität. Sie kritisiert, dass der Zugang zu Nahrungsmitteln eine Form der Kontrolle ist, da er von globalen und politischen Machtverhältnissen abhängt.
Wer kennt sie nicht, die Geschichte von der rasant wachsenden, gigantischen Bohnenranke, die aus der Armut befreit? Hans und die Bohnenranke ist ein englisches Märchen, das besonders in der Version von Joseph Jacobs 1890 bekannt wurde. Daniela Ortiz (*1985) interpretiert den Inhalt im Rahmen ihrer aktuellen Einzelausstellung in der Kunsthalle Bern neu. Dafür hat sie das Theaterstück Luca und die magische Saat, 2025, geschrieben und eine kleine, bemalte Bühne sowie Handpuppen geschaffen. Im Gegensatz zum Original nimmt ihr Märchen kein gutes Ende. Vielmehr ist es ein kapitalismuskritisches Lehrstück, in dem es um Agrochemie-Riesen und profitorientierte Unternehmen geht, die sich auf Kosten anderer bereichern. Von dieser Ausbeutung profitieren vor allem multinationale Saatgutkonzerne wie Bayer und Syngenta – die weltgrössten Produzenten von gentechnisch verändertem und hybridem Saatgut sowie von Pestiziden.

Die peruanische Künstlerin ist dafür bekannt, dass sie sich in ihrer Arbeit mit Machtstrukturen auseinandersetzt. So auch in der Bilderserie Bauernmalereien, 2025. Die tellergrossen, mit Acryl bemalten Zinnplatten thematisieren die Rolle der Schweiz in der globalen Handels- und Ernährungspolitik. Die Bilder sind im traditionellen Stil der Schweizer Bauernmalerei gemalt und mit Blumen umrandet. Daniela Ortiz nutzt das ländliche Setting klischeehaft, ohne den historischen Kontext der Malerei zu vermitteln. Dabei ist diese in einer Zeit und in Regionen entstanden, in denen Hunger und bittere Armut auch in der Schweiz allgegenwärtig waren. Stattdessen fügt sie eine eigene symbolische Ebene hinzu, wie etwa das sich wiederholende Motiv der verletzten Kuh. Auch das Ausschütten der Milch ins sattgrüne Gras ist ein wiederkehrendes Sinnbild. Teil der Bilder sind ausserdem handgeschriebene Texte, die politische Sanktionen anprangern. Zum Beispiel das systematische Einfrieren von Vermögenswerten der Regierung Venezuelas im Jahr 2018 als Reaktion auf die autoritäre Herrschaft von Nicolás Maduro. Neben der EU war auch die Schweiz daran beteiligt. Kritisiert wird, dass solche Massnahmen insbesondere die Zivilbevölkerung hart treffen.

Im letzten Ausstellungsraum ist der experimentelle Dokumentarfilm Una gota de leche, 2025, zu sehen. Er spannt den Bogen von der Kindheit der Künstlerin in Peru über exzessive Fresswettbewerbe bis hin zum Schweizer Bundeshaus. Angeklagt werden unter anderem die folgenschwere Streichung der Hilfsgelder für die Bevölkerung im Gazastreifen im März 2025 und der Skandal um verunreinigtes Babymilchpulver von Nestlé in den 1970er Jahren. Auch hier wird anhand einer Aneinanderreihung von Beispielen ein System offengelegt, das die künstliche Verknappung und Kontrolle von Nahrungsmitteln zum Zweck hat. Hunger wird dabei auch als politisches Instrument eingesetzt.
Als Gegenmodell werden kommunale Organisationsformen und Selbstorganisation in Venezuela vorgestellt. Diese sind eine Reaktion der Zivilbevölkerung auf eine Politik, die anderswo gemacht wird. Daniela Ortiz gibt den Betroffenen vor Ort eine Stimme. Dabei wird deutlich, dass die Milch- und Fleischproduktion auch ein Symbol der Souveränität sein kann. Etwa indem die Produktion diversifiziert wird, um sich aus der Abhängigkeit von Exportgütern zu befreien. Aber auch, indem eigene Netzwerke geschaffen werden, über welche die Kleinbauern und Bäueinnen für ihr lokales Umfeld produzieren. Den Abschluss der Ausstellung bildet ein goldgelbes, übergrosses Stoffbanner mit der roten Aufschrift «Comuna o nada» – auf Deutsch: «Kommune oder nichts». Es ist ein Appell an die selbstorganisierte, solidarische Gemeinschaft sowie an Praktiken der Fürsorge und des zivilgesellschaftlichen Widerstands. Gekämpft wird für den Zugang zu Produktionsmitteln wie Saatgut, Land und Wasser sowie für das Recht der Menschen vor Ort, ihre Landwirtschafts- und Ernährungspolitik selbst zu bestimmen.
Die Ausstellung zeigt, wie wichtig es ist, die Stimme zu erheben und Missstände aufzuzeigen. Sie macht aber auch deutlich, wie schwierig es ist, aktivistische Kunst zu schaffen, ohne sich in ein vereinfachendes Argumentationsschema von «gut» und «böse» zu versteigen. In einer Zeit, in der die Menschenrechte weltweit stark unter Druck stehen, sind neben Anklagen auch differenzierte Betrachtungen erforderlich. Hier könnte Kunst eine Vermittlerrolle einnehmen und Allianzen bilden. Diese Zwischentöne gehen leider in der Ausstellung unter. Vielleicht gelingt es, wenn mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben werden?
Daniela Ortiz: Ein Tropfen Milch – A Drop of Milk, Kunsthalle Bern, bis 8.2.