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Adrian Dürrwang, 09.01.2026

Empfindungsfiguren: Lehmbruck – Netzhammer

Yves Netzhammer im Dialog mit Wilhelm Lehmbruck, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian
Yves Netzhammer im Dialog mit Wilhelm Lehmbruck, Ausstellungsansicht Kunsthaus Zürich. Foto: Franca Candrian

Was geschieht, wenn ein populärer Schweizer Medienkunstpionier, auf einen im Ersten Weltkrieg in Zürich wirkenden, verstörten und entwurzelten deutschen Bildhauer trifft? Finden sich bei dieser kuratorischen Setzung Gemeinsamkeiten? Das Kunsthaus Zürich findet überraschende Verbindungen. Denn Yves Netzhammer begegnet Wilhelm Lehmbruck nicht in der Gegenüberstellung oder reagiert mit seinen Figuren auf ihn. Der Erfolg liegt darin, dass er für den Deutschen vielmehr ein ganzes Display mit farbiger Bühne oder etwa projizierten, dialogischen Figuren erschafft, in dem das Kunsthaus die existenziellen Figuren des deutschen Bildhauers zeitgenössisch codiert. Genau darin liegt der Grund für die berührende Verbindung dieser beiden so unterschiedlichen Bildsprachen: Lehmbrucks Figuren – etwa Der Gestürzte, ohne Uniform und damit dem unmittelbaren Kriegskontext enthoben – zeigen den menschlichen Körper in seiner ganzen existenziellen Natur. Auch Netzhammers vereinfachte Figuren mit ihren fast ornamentalen Torsionen und Drehungen gewinnen einen beinahe zeichenhaften Charakter, der ebenso grundlegende menschliche Erfahrungen wie Verletzlichkeit oder Entblössung thematisiert. Genau auf dieser fundamentalen Ebene bewegt diese ungewöhnliche Begegnung die Betrachtenden – und dies über eine Zeitspanne von mehr als hundert Jahren hinweg.


Diese Kritik entstand im Rahmen des Workshops der AICA Schreiben über Kunst 2025.
Oh Mensch! Wilhelm Lehmbruck – Die letzten Jahre (Dialog mit Yves Netzhammer). Kunsthaus Zürich, bis 18.1.