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Katharina Holderegger, 14.04.2026

Finanzwelt, Krieg und Sport: Gianni Motti in der Galerie Mezzanin

Gianni Motti, Spauracchio, 2013, Anzug, Melon, Holz, Stroh, 250 x 80 x 60, Einzelstück von einer Serie von 7 + EA.
Gianni Motti, Spauracchio, 2013, Anzug, Melon, Holz, Stroh, 250 x 80 x 60, Einzelstück von einer Serie von 7 + EA.

Die neueste Soloschau von Gianni Motti in der Galerie Mezzanin beginnt mit einer simplen, aber unerwarteten Geste: Im Schaufenster ist ein schwarzer Anzug mit Melone über ein Holzkreuz drapiert, das in einem Strohballen steckt – eine Vogelscheuche, deren Kluft an Londoner Börsenmakler im 19. Jahrhundert erinnert.

Im Inneren der Galerie wird die Szene mit der Vogelscheuche aus Schaufenster fünfmal wiederholt. Die Variationen wirken zufällig, vernachlässigbar. «Geht das nun immer so weiter?» – die Frage drängt sich auf. Erst in den hinteren, kleineren Räumen wird die Auswahl der Exponate breiter, kommen ältere Serien dazu. Im Büroraum sieht man Ala Sinistra, 1995: Eine Fotodokumentation in Schwarzweiss des Künstlers, der in Strassenschuhen und einem klammheimlich ausgeliehenen Trikot in der Fussballmannschaft von Neuchâtel Xamax während einem Heimspiel auftaucht. Im Schlussraum noch Collateral Damage, 2001: vom Künstler gekaufte und unter seinem Namen feilgebotene Pressebilder aus dem Jugoslawienkrieg mit unspektakulären, fast idyllischen Szenen von weissen und gelben Rauchwolken wie von kleinen Mottbränden zwischen Einfamilienhäusern im Grünen.

Gianni Motti, <em>Spauracchio</em>, 2013, Anzug, Melon, Holz, Stroh, 250 x 80 x 60,  Serie von 7 + EA.
Gianni Motti, Spauracchio, 2013, Anzug, Melon, Holz, Stroh, 250 x 80 x 60, Serie von 7 + EA.

Von hier aus erschliesst sich die Bedeutung der in der Muttersprache des Künstlers mit Spauracchio bezeichneten Vogelscheuchen im Werkzusammenhang. Sie enthalten anders als viele seiner Werke keine einmalige oder wiederkehrende Pointe, sondern sind eine Weiterentwicklung früherer Arbeiten. Bereits 2005 zeigte Motti in der Serie Broker an der Art Unlimited in Basel hyperrealistische Puppen zeitgenössischer Börsenmakler – entrückt wie unter Drogen, in Käfigen sitzend. In den Vogelscheuchen erscheinen diese Figuren jetzt entleert und in einen ländlichen Kontext zurückversetzt. Die Strohballen werden zum zentralen Bedeutungsträger: Das Material, auf dem die Tätigkeit der Spekulaten historisch basiert – landwirtschaftliche Rohstoffe, lange vor Öl, Gas und seltenen Erden.

Beim Vergleich von Collateral Damage , Ala Sinistra und  Sparuacchio wird eine gemeinsame Struktur sichtbar. Motti interessiert sich weniger für einzelne Themen als für das Funktionieren von Systemen – Finanzmarkt, Krieg, Sport. Sie bestimmen über die Wirklichkeit und lassen sie in vorgegebenen Bildern zirkulieren. Seine Strategie ist weder Darstellung noch direkte Kritik, sondern eine Störung.

Der Titel Au-delà de tout doute raisonnable («Über jeden Zweifel erhaben») suggeriert eine Gewissheit, die von der Ausstellung zugleich untermauert und unterlaufen wird. Der Zweifel bewegt sich weg von den einzelnen Bildern hin zu den Systemen, die sie temporär in Umlauf bringen. Finanzwelt, Krieg und Spiel erscheinen nicht als getrennte Sphären, sondern als Ausdruck derselben Logik – einer Logik der Abstraktion, Zirkulation und Inszenierung. Die Vogelscheuche wird zur gerissenen Metapher hierfür: Ein leeres Zeichen, das jedoch tief ins Lebendige eingreift.


Gianni. Motti – Au-delà de tout doute raisonnable, Galerie Mezzanin, Genf, bis 14.5.