Handeln avant les lettres: Guadalupe Ruiz
Entwicklungen brauchen Zeit. Oftmals werden sie unterbrochen, abmoderiert, bevor die ihnen eigene Zeitstruktur aufscheint. Die Künstlerin Guadalupe Ruiz ordnet sich ihnen nicht unter. Sie interagiert mit Anfragen und Fristen so, dass die Entwicklung ihres künstlerischen Werks ihren eigenen Lauf nehmen kann. In der aktuellen Ausstellung im TANK wird die konzeptionelle Stärke dieser Vorgehensweise fassbar.
TANK, so heisst der Ausstellungsraum des Institut, Art, Gender, Nature/ HGK Basel FHNW. Mit der Serie The Commissions verfügt er über ein Format, neu für den gläsernen Kubus geschaffene Projekte von ehemaligen Studierenden und Dozierenden zu zeigen. Guadalupe Ruiz (*1978 in Bogotà, lebt in Biel) schloss ihr Studium 2019 mit einem Master ab. Bei den Swiss Art Awards 2025 bewarb sie sich mit neuen Arbeiten, wurde ausgezeichnet. Aus einem Atelierbesuch von Roman Kurzmeyer heraus erfolgte die Anfrage.
Ruiz bezeichnet die Installation als eine «Art Mini-Retrospektive». Er ist eine Versammlung häuslicher Objekte wie Hocker, Nierentisch, Regal, Schrank und Wandkommode mit Spiegel, die auf den ersten Blick wie Gebrauchsmöbel erscheinen. Ihre Ausführung lässt Rückschlüsse auf die Bauweise zu. Sie bezeugen, wie sorgfältig mit den verschiedenen unlackierten und lackierten Holzarten als Ressourcen unter einem gestalterischen Anspruch umgegangen wurde. Im gewählten Lichtsetting bleibt zunächst unklar, ob sie hervorgeholt wurden, um sie genauer zu studieren, anzuschauen, zu inventarisieren, oder ob es sich um eine konzeptionelle Arbeit, um einen Prozess der Appropriation geht. Diese Ambivalenz wird nicht aufgelöst. Sie ist Teil des Vorgehens von Ruiz, es nicht beim ersten Blick zu belassen, sondern sich auf das Wiedersehen im umfassenden Sinn einzulassen.
«Die Objekte stammen aus ganz unterschiedlichen Kontexten. Während meines Master-Studiums habe ich im Haus eines Sammlers ein Foto von dem Typus Spiegelkommode gemacht. Ich wähle immer Objekte aus, die eine starke visuelle Präsenz haben, bescheiden daherkommen und sich reproduzierbar anfühlen. Sie sind und bleiben durch die gemeinsamen Eigenschaften aufeinander bezogen. Es sind einfache, vertraute Formen, die durch Fotografie und Arrangement transformiert, vergrössert, reinterpretiert und reaktiviert werden können.»
Ruiz leitet Besuchende mit der Werkschau an, Zweifel an den Konventionen in der Zuordnung von Dingen und Wörtern anzubringen und umfassendere Fragen zu stellen: Was sagen Möbel als Repräsentationsgegenstände aus? Was sind die Konnotationen des DIY in der Spannweite zwischen dem Umgang mit einem Mangel an Ressourcen und der Befähigung, selbst das eigene Mobiliar zu bauen. Ruiz präsentiert in der Ausstellung eine Auswahl an Möbeln, die sie seit Beginn ihres Studiums in Basel selbst gebaut hat. Sie lehnt sich dabei an Möbeltypen an, die in Kolumbien weit verbreitet sind und entschied sich zugleich, auf bestimmte Objekttypen wie Bett, Keramikobjekte und einen Kleiderständer zu verzichten. «Einen Kleiderständer einzubeziehen, hätte sehr wahrscheinlich dazu geführt, dass der Raum sich zu häuslich (domestic) anfühlt – und genau das wollte ich vermeiden.»
Stattdessen schleust sie selbstgefertigte Stickereien und Elemente aus dem Nachlass von Liliane Patzer, einer in Biel tätigen Kunst- und Antiquitätenhändlerin ein: Ein Leinwandgemälde, auf dem sich Hund und Pferd begegnen, ein Stapel gestärkter Leintücher und eine Gruppe von Schachteln: Jede einzelne ist einer Objektgruppe gewidmet: Darunter Ansichten ihres Geschäfts und Namensschilder bekannter und weniger bekannter Kunstschaffender, also Etikettierungen, die wertbestimmend sind.

Damit verortet sie ihre künstlerische Produktion in einer Zone zwischen zwei Kulturen und Sprachräumen. Die Verankerung in Sammlungen und dem kollektiven Gedächtnis hat bereits begonnen. Die Serie Bogotá D.C., 2002, wurde vom Museum Liner in Appenzell angekauft, und ihre Kleine Fotoenzyklopädie: 645 Fotografien, 2015, in die Anthologie How We See. Photobooks by Women aufgenommen.
Stattdessen schleust sie selbstgefertigte Stickereien und Elemente aus dem Nachlass von Liliane Patzer, einer in Biel tätigen Kunst- und Antiquitätenhändlerin ein: Ein Leinwandgemälde, auf dem sich Hund und Pferd begegnen, ein Stapel gestärkter Leintücher und eine Gruppe von Schachteln: Jede einzelne ist einer Objektgruppe gewidmet: Darunter Ansichten ihres Geschäfts und Namensschilder bekannter und weniger bekannter Kunstschaffender, also Etikettierungen, die wertbestimmend sind.Damit verortet sie ihre künstlerische Produktion in einer Zone zwischen zwei Kulturen und Sprachräumen. Die Verankerung in Sammlungen und dem kollektiven Gedächtnis hat bereits begonnen. Die Serie Bogotá D.C., 2002, wurde vom Museum Liner in Appenzell angekauft und ihre Kleine Fotoenzyklopädie: 645 Fotografien, 2015, in die Anthologie How We See. Photobooks by Women aufgenommen.
Guadalupe Ruiz – Qué bueno verte, qué bueno volverte a ver, in Der TANK. Institute Art Gender Nature HGK Basel FHNW, jeweils Freitag, Samstag, Sonntag, 18-21 Uhr und auf Vereinbarung, bis 14.12.