Rosarote Revolution: Maria Pinińska-Bereś im Kunstmuseum Luzern
Die Künstlerin Maria Pinińska-Bereś ist in Polen als Pionierin feministischer Kunst bekannt. Hierzulande gilt sie als Neuentdeckung. Nun widmet das Kunstmuseum Luzern ihr eine Retrospektive. Gewürdigt wird ein Lebenswerk, das Kritik an Geschlechterrollen und Gesellschaftsstrukturen äussert und ganz im Zeichen der Farbe Rosa steht.
Auf die Frage nach dem Feminismus in ihrer Kunst antwortet die Künstlerin Maria Pinińska-Bereś (1931–1999) rückblickend gegen Ende ihres Lebens: «Yet when once I decided to speak with my own voice, when I had unblocked that female reservoir there flowed out a river which led me myself at times into confusion.» Sie hat zeitlebens ihre Erfahrungen als Frau in eine einzigartige Bildsprache in Form von Skulpturen, Installationen und Performances übersetzt. Dabei hat sie konsequent versucht, sich aus dem Korsett gesellschaftlicher Zwänge und patriarchaler Ordnung zu befreien, nicht zuletzt, indem sie mit Konventionen der Kunst gebrochen hat. Ein besonderes Merkmal ist dabei die Farbe Rosa in ihrem Werk. Damit setzt sie ein Zeichen weiblicher Selbstbestimmung und grenzt sich zugleich vom allgegenwärtigen Rot im damals kommunistischen Polen ab. Pinińska-Bereś wuchs in einer konservativen Familie auf, die durch den Zweiten Weltkrieg zerrüttet wurde. Nach ihrer Ausbildung zur Bildhauerin in Kraków heiratet sie den Künstler Jerzy Bereś. Ihre gemeinsame Wohnung wird zum Treffpunkt für Kunstschaffende und Intellektuelle. Bereits in den frühen Arbeiten der Künstlerin zeigen sich feministische Aspekte. Das Kunstmuseum Luzern widmet nun dem Lebenswerk von Maria Pinińska-Bereś eine umfassende Retrospektive mit dem Titel Under the Pink Flag.

Auf weichen Steppdecken sind massive, aus Zement gegossene Geschlechtsteile präsentiert, die mit Metallketten, Votivplättchen und Glöckchen versehen sind. Es handelt sich um eine Reihe von Skulpturen mit dem Titel Rotundy, die in den frühen 1960er Jahren entstanden sind. Sie eröffnen zu Beginn der Ausstellung einen Assoziationsraum rund um die Themen Lust, Religion und Gewalt. Im selben Raum befinden sich als Pendant dazu die Pappmaché-Skulpturen der Werkreihe Gorsety. Das Motiv des Korsetts symbolisiert die jahrhundertelange gesellschaftspolitische Einschränkung von Frauen. Die wohl bekannteste Werkserie sind die sogenannte «Psychomöbel». Es sind Skulpturen aus den frühen 1970er-Jahren, in die nackte, rosarote weibliche Körperteile als Bestandteile integriert sind. Mit ihren comicartigen Formen, den weichen Materialien wie Schaumstoff oder ausgestopften Stoffbezügen sowie den zarten, pudrigen bis grellen Pinktönen erinnern sie an die Ästhetik der Pop-Art und haben zugleich eine stark existentielle Dimension, vergleichbar mit Werken von Louise Bourgeois. So zum Beispiel die 1969 entstandene Liebesmaschine. In einem Kasten schmiegen sich rosarote Brüste an eine drehbare Klitoris. Die Installation ist ein Abbild sinnlicher Liebkosung und Sexualobjekt zugleich, aktivierbar nur durch die Handbewegungen von Aussenstehenden. Auch das Werk Parawan, 1973, kreist um Fragen weiblicher Sexualität. Pinke Wogen der Lust werden hier hinter einer abgeschirmten Wand sichtbar. Im angrenzenden Ausstellungsraum öffnen sich Sperrholzplatten flügelartig, Matratzen rollen sich zungenartig ein, Türen quetschen rosarote, körperhafte Stoffwülste ein und Kissen liegen verknotet am Boden.

Bedrohlich ist zudem die triptychonartige Installation Mój uroczy pokoik (Mein hübsches kleines Zimmer), 1975. Im klinisch weissen Raum hängt eine fleischfarbene Öffnung an der Wand, am Boden liegt ein wurmartiger rosa Schlauch. Das Zimmer erinnert an ein Mädchenzimmer ebenso wie an eine psychiatrische Klinik. Der Blick bleibt an den rosa Flecken hängen, die stumm für sich sprechen.
Die 1970er-Jahre markieren einen Wendepunkt in der Kunstgeschichte. Parallel zur zweiten Welle der Frauenbewegung begannen Künstlerinnen weltweit, patriarchale Strukturen im Kunstbetrieb und in der Gesellschaft radikal zu hinterfragen. Was zuvor als privat oder häuslich galt, wurde zum politischen Sujet. Etwa der eigene Körper, die reproduktive Arbeit, die weibliche Sexualität. Auch die Kunst von Pinińska-Bereś ist Teil dieser Bewegung. Sie kritisiert eine Gesellschaft, die Frauen auf das Häusliche reduziert oder zu Objekten degradiert. Gleichzeitig stehen ihre Werke für eine selbstbewusste, lustvoll aufbegehrende Weiblichkeit und Erotik, die verführen und zugleich den sexualisierten Blick sowie die latente Gewalt gegenüber Frauen offenlegen will.

Ende der 1970er-Jahre erweiterte Pinińska-Bereś ihre künstlerische Praxis um Performances und kommentiert damit auch den Kunstbetrieb auf subversive Weise. Mit der Performance Pranie I (Wäsche I), 1980, macht sie auf die unsichtbare Arbeit von Frau nicht nur im Alltag, sondern auch in der Kunst aufmerksam. Inmitten einer Menschenansammlung wäscht sie Tücher von Hand und hängt sie nacheinander zum Trocknen auf. Diese sind mit Buchstaben beschriftet und bilden zusammen das Wort «Feminismus». Angesichts der politischen Lage Anfang der 1980er-Jahre entstehen vermehrt auch Werke, die sich mit staatlicher Unterdrückung auseinandersetzen. Die Farbe Rosa verschwindet vorübergehend aus ihrer Kunst. In einer Performance von 1984 fegt sie, in Schwarz gekleidet und mit grauer Fahne an einem Besenstiel, schweigend den Boden vor Publikum.
Insbesondere in Polen entwickelte sich trotz – oder gerade wegen – der repressiven politischen Verhältnisse eine bemerkenswert eigenständige feministische Kunstszene. Auch Künstlerinnen wie Natalia LL, Ewa Partum, Alina Szapocznikow und Magdalena Abakanowicz schufen Werke, die den Widerstand gegen Patriarchat und Staatsmacht auf originelle Weise miteinander verknüpften. Das geschah weitgehend isoliert vom westlichen Kunstdiskurs und dennoch von verblüffender thematischer und formaler Parallelen zu ihm. Die sorgfältig kuratierte Ausstellung veranschaulicht dies am Beispiel von Pinińska-Bereś auf eindringliche Weise. Etwas mehr historischer Kontext im Hinblick auf andere künstlerische Positionen in Polen wäre jedoch wünschenswert gewesen. Auch um zu verdeutlichen, dass feministische Kunst in den 1970er Jahren kein Privileg des Westens war, sondern ein globales Phänomen mit vielen lokalen Ausprägungen und revolutionären Künstlerinnen.
Maria Pinińska-Bereś: Under the Pink Flag, Kunstmuseum Luzern, bis 14.6.