Schmuck und politisches Bewusstsein: Das Kollektiv Einzweidrei
Es gibt Kollektive, die nach zwei, fünf, zwölf Jahren müde werden – und es gibt Einzweidrei. 2006 in Vevey gegründet, zunächst im Alten Gefängnis verankert, liess dieses Kollektiv in verschiedensten Räumen sowohl grosse Namen wie Ai Weiwei, Erwin Wurm oder Shilpa Gupta wie auch lokale Positionen auftreten. Seit 2021 bewegt sich das Kollektiv nun weg vom Monumentalen, hin zum Intimen. Die Pandemie war nur der äussere Anlass dazu.
Mit dem Espace Borax eröffnete die Gruppe 2021 eine kleine Galerie im ehemaligen Räumchen der Gefängniswärter, in dem als Atelierhub genutzten Alten Gefängnis. Hier haben nun Mélane Zumbrunnen (*1980, Vevey) und Nicolas Christol (*1982, Lausanne) die lange unaufhaltsam erscheinende Logik der zeitgenössischen Kunst im 21. Jahrhundert umgekehrt. Die Arbeiten, welche die beiden ehemals vor allem im Bereich der Fotografie und der Installation tätigen Kreativen heute fertigen, besetzen keine Wände, keine Plätze, keine Skylines. Man trägt sie. Man lebt mit ihnen auf seiner Haut und im Haar. Sie kosten kein Vermögen, aber sie sind reich an Gewissen, an Handwerk, an Haltung. Ihre Oberflächen präsentieren sich alles andere als glatt und platt. Ihre Reaktionen auf Wärme, Reibung, Unfälle und Zufälle im Alltag sind erwünscht. Sie nehmen Kratzer an, Patina, Erinnerungen. Sie widersprechen der fabrikgestanzten Konzept-Serienware ebenso wie der luxuriösen Amnesie von Gold und blitzenden Edelsteinen in der «guten Gesellschaft». Zur Feier des 20. Geburtstages von Einzweidrei hat das Kollektiv gleich zwei Ausstellungen erarbeitet.
Cash – präzise Miniaturen von Ökonomie
In Cash im Espace Borax verdichten sich wirtschaftliche und soziale Spannungen zu kleinen, tragbaren Situationen. Die Koje mit den Arbeiten von Nora Delanoë (*1977, Montreux) und Jeannette Knigge (1973, Emmen/NL) bleibt dabei besonders im Gedächtnis. Die über einer halsartigen Ausstülpung aufgehängte Monopoly-Kette von Delanoë wirkt auf den ersten Blick heiter: Kleine, rote und grüne Häuser, dekorativ arrangiert. Doch dann kippt die Leichtigkeit ins Scharfe. Aus Spielsteinen werden stille Modelle von Hypotheken, Zwangsräumungen und Boden als Ware. Die Kette ist weniger Schmuck als topografische Skizze eines Marktes, der über das Leben hinwegfegt. Die aus Titan und Gold fabrizierte Brille von Knigge argumentiert noch knapper: Sie ist zugleich brillant und macht blind. Das Gold blitzt selbst dort, wo eigentlich Transparenz, ja erhöhte Schärfe angesagt wäre. Das Objekt verweigert seinem Träger genau das, was sie eigentlich verspricht: Sehen, Weltbezug. Hier wird Reichtum nicht in Form eines Schmuckstückes, sondern als optisches und kognitives Hindernis sichtbar gemacht, als Filter, der alles verdeckt und in den Schatten stellt, was nicht blitzt und glänzt.

Transmutations in der Galerie Tirelli – Schmuck im Ernstfall
In der Galerie L. & C. Tirelli treffen die Arbeiten von Christol als langjähriger «spiritus rector» von Einszweidrei auf die Gemälde von Saro Puma (*1963, Ribera/AG). Pumas Menschen und Tiere, in Türkis und gebrochenen Kontrastfarben gehalten, scheinen in einer dichten Traumwelt zu verweilen. Sie stehen still und sind doch voller Bewegung, einer Bewegung nach Innen. Zwischen ihnen liegen Christols Schmuckstücke wie konzentrierte Fragmente eines anderen Registers: Schiesspulverpatronen, die ausserhalb eines Gewehrlaufes zum Platzen gebracht wurden, montiert auf Ringe und Broschen. Es sind Formen, die Verletzung nicht kaschieren, sondern sie bewahren. Die Spuren der Explosionen fungieren dabei als Erinnerung an die exponentiell erhöhte Gewalt, mit der sich der Druck von oben und Eroberungen, aber auch der Widerstand und die Revolutionen sich weltweit vollziehen, seit die chinesische Erfindung des Schiesspulvers um 1300 nach Europa kam.
Nähe
Vielleicht ist dies die eigentliche Leistung von Einzweidrei heute: Das Kollektiv übersetzt politisches Bewusstsein in Schmuck, der uns leise durch den Alltag begleitet und Gespräche mit unseren Nächsten und Zufallsbegegnungen ermöglichen – Gespräche, die unweigerlich über blossen Small Talk hinausgehen.
Cash, Espace Borax, Vevey, kann zurzeit noch auf RDV besichtigt werden. Nächste Ausstellung: Zoé Genet, 17.–18.2. und 24.–25.2.
Nicolas Christol – Transputations und Saro Pumo – Le temps et l’instant, Galerie L. & C. Tirelli, Vevey, verlängert bis 10.1.