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07.06.2025

The I in AICA: Isabel Zürcher

Isabel Zürcher, Foto: Ute Schendel

Wer ist AICA? Wir stellen unsere Mitglieder vor und fragen nach ihren Gewohnheiten beim Schreiben: Die Autorin Isabel Zürcher über die Wirtschaftsfreundlichkeit des Tagesjournalismus, die Empfindlichkeit grosser Dampfer – und das Bewegen von Wörtern.

Was schreibst Du gerade?

Ich entwerfe einen Essay über die Mindmaps des Berner Künstlers George Steinmann, verfasse eine Kurzdokumentation über ein Werk der Textilkünstlerin Liselotte Siegfried und arbeite an einem Manuskript, das zu einer Biografie heranwachsen will. Und dann sitze ich – wie wir alle täglich – an den üblichen E-Mails!

Wie gehst Du beim Schreiben vor, entwirfst Du von Hand, direkt am Laptop, nutzt Du KI…?

Gesprächsnotizen, Einfälle, auch To Do’s notiere ich in ein taschentaugliches Heft, wo ich sie bei Bedarf wieder finde. Sonst spielen Handschrift und Papier nur bei umfangreichen, auf verschiedene Quellen bezogene Texte eine Rolle. Das Meiste entsteht am Laptop und wird mit dem Datum des Tages abgespeichert, bis dann am Tag x ein «_def» oder «_abgabe» zum Dateinamen hinzukommt.

Was machst Du, wenn es nicht gut läuft (Rituale)?

Ich suche Umwege – und habe aufgehört, diese als Vermeidungstaktik abzutun. Administrative Erledigungen sind weniger von einer Tagesform abhängig und haben den schönen Nebeneffekt, dass sie eben auch mal erledigt sind. Auch beim Putzen können sich Schreibstaus lösen. Wenn die Zeit wirklich drängt und es trotzdem (oder gerade darum) harzt, geht etwas irgendwie doch immer: das Beschreiben.

Für wen schreibst Du?

Daran denke ich so gut wie nie. Ich vertraue darauf, dass durchdachte Texte ihre Leser:innen finden und achte je nach Ort des Erscheinens darauf, dass mein Vokabular nicht zur Hürde wird.

Welchen tollen Text hast Du kürzlich gelesen?

Beim Aufräumen fiel mir ein Begleitheft wieder in die Hand zu Rosemarie Trockels Ausstellung im Museum für Moderne Kunst Frankfurt. «Leichte Sprache» ist das Gütesiegel dieses Printprodukts. Die Kürze der Sätze, die pure Information zu Material, zu Ort und Zeit von Werkentstehungen sowie die Übersetzungshilfen bei englischen Titeln – das geht nicht nur Jugendliche mit Migrationshintergrund etwas an. Es hat eine entlarvende Frische und grosse Poesie.

Über welchen Text hast Du dich geärgert? Wieso?

Ich ärgere mich aktuell fast täglich. Weil die Wirtschaftsfreundlichkeit im Tagesjournalismus mit akademisch untermaltem Duktus die Tatsache kleinredet, dass brandgefährliche Fehlinformation ungefiltert in die Welt gepustet wird.

Hast Du es schon bereut, einen Text veröffentlicht zu haben? Hat Dich schon mal ein Text eingeholt?

Veröffentlichungen sind Chancen, sich zu Wort zu melden. Reue ist mir da fremd. Ich sehe unsere Aufgabe nicht darin, Kunst und ihre Urheber:innen abzustrafen, sondern sie verstehen zu wollen und Haltung zu beziehen.

Vor etlichen Jahren, als ich für eine Ausstellungsvorschau keine sachdienlichen Informationen bekam, liess ich eine leicht verärgerte Andeutung im Text stehen. Das führte dann zu einem Nachgespräch mit der Kuratorin. Da war ich schon erstaunt, wie reizbar Institutionen sind und wie empfindlich ein grosser Dampfer auf den Nebensatz einer Schreibenden reagiert. Kunstkritik in der Schweiz ist wahrscheinlich eine der windstillsten Disziplinen überhaupt, Rückmeldungen sind nicht an der Tagesordnung. Von aussen gesehen holen mich Texte also selten ein. Nach innen fordern sie mich heraus und öffnen immer wieder Räume: Wenn ich Wörter bewege, bis sie mit meiner Wahrnehmung übereinstimmen, ereignet sich etwas, was sich teilen lässt.

Kannst Du vom Schreiben leben?

Wenn «Schreiben» nur Texte meint, nein. Wenn ich es gross fasse mit allem, was an Recherche-, Kommunikations- und Redaktionsaufgaben hinzukommt, ja.

AICAramba, was muss sich ändern?

Wir brauchen mehr Mut in der Kritik für die Kunst: zur Distanzlosigkeit, zum subjektiven Fragen, zum Offenlassen auch. Dass es unendlich viele «beste Künstler:innen» gibt, müsste uns daran erinnern, dass wir schreibend einen Wettbewerb untermalen, der den tatsächlichen, immer beweglichen Bezug zur Gegenwart einem vorgefassten Kanon opfert. Darum wünsche ich mir mehr Unerschrockenheit, weniger Anpassung und wache Augen, die Kunst von Storytelling unterscheiden.


Isabel Zürcher, Kunstwissenschaftlerin und Autorin, lebt in Basel.