Zur Menschlichkeit abstrahiert: Wilhelm Lehmbruck im Dialog mit Yves Netzhammer
Die Figur scheint in sich zusammenzufallen. Das Gesicht ist nicht erkennbar, der Kopf hängt schwer am Torso, der Rücken ist durchgebogen. Die langen Arme stützen sich auf die ebenso langen Beine. Nur die Füße mit den überdimensional geformten Zehen scheinen sich wie Hände in den Boden zu graben und so noch irgendwie am Irdischen festzuhalten. Die Bronzefigur «Sitzender Jüngling» wurde von Wilhelm Lehmbruck in den Jahren 1916 und 1917 in Zürich modelliert. Erschüttert von den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, in dem er als Sanitäter an der Front mit der menschlichen Hilflosigkeit gegenüber der Vernichtung der modernen Kriegsmaschinerie konfrontiert wurde, zeigt er seine Modelle nackt und verletzlich. Das Kunsthaus Zürich setzt das Werk des expressionistischen Künstlers in einen Dialog mit dem zeitgenössischen Medienkünstler Yves Netzhammer. Dieser kontrastiert und ergänzt die sorgfältig inszenierten Plastiken, Radierungen, Gemälde und Zeichnungen des jung Verstorbenen mit seinen eigenen, filigranen Arbeiten. Er überführt digitale Linien in Skulpturen aus dem 3D-Drucker, welche ebenfalls nackt und verletzlich wirken. So gelingt eine ausgewogene Balance zwischen diesen zwei unterschiedlichen aber doch irgendwie verwandten Künstlern und Epochen.
Oh Mensch! Wilhelm Lehmbruck – Die letzten Jahre (Dialog mit Yves Netzhammer). Kunsthaus Zürich, bis 18.1.